
Dortmund. Kofferrollen rattern über das Parkplatz-Pflaster.
Die beiden Mädchen, die ihr Gepäck zwischen Zelten und
Autos hindurchbugsieren, steuern einen roten Golf älterer
Bauart an. Sie wissen genau: Als Neuankömmlinge müssen
sie zu Vanessa. Neben deren Wagen warten die Mädchen geduldig
auf den Moment, in dem sie sich bei Vanessa anmelden
können.
Die 17-Jährige mit dem verrutschten Lidstrich und dem strengen
Blick hockt auf dem Beifahrersitz. Auf ihrem Schoß liegt ein
zerknitterter Zettel, auf dem sie Geburtsdaten und Nummern notiert.
Inzwischen sind es schon an die 400. Jedem Mädchen malt sie
eine Zahl auf den Handrücken. Wie eine Platzkarte für die
Warteschlange, die sich in der Nacht vor der Westfalenhalle
formieren wird.
Seit mehr als einer Woche campieren Jugendliche auf dem Parkplatz,
um in der ersten Reihe zu stehen, wenn die Band „Tokio
Hotel“ heute Abend ein Konzert gibt. Rund 60 Zelte stehen auf
einem Parkplatz abseits des Messezentrums. Flankiert werden sie von
drei Toilettenhäuschen, die jemand wohl aus Mitleid dort
aufgestellt hat. Denn das Campieren ist nicht erwünscht. Die
Fans kümmert das wenig. Sie kommen aus Polen, Portugal,
Frankreich und Schweden. Aber auch aus Deutschland.
Elli liegt bäuchlings in ihrem Zelt auf der Bettdecke. Sie sei
18, sagt sie, und komme aus Dortmund. Heute habe sie nur drei
Stunden Unterricht gehabt. Jetzt warte sie wieder. So wie jeden Tag
seit Beginn der Woche. Warum? „Ich will in die erste
Reihe“, erklärt sie. Daran hindert sie auch nicht, dass
ihre Eltern über den zeitweilligen Auszug verärgert sind.
„Hinterher regt sich meine Mutter schon wieder
ab.“
Lydia (14) hat ihren Eltern erst gar nicht erzählt, dass sie
den Tag nicht in der Schule in Bielefeld, sondern unter Mit-Fans in
Dortmund verbringt. Ihr Dilemma: Ist sie nicht bei den anderen
Wartenden, verliert sie ihren Platz in Vanessas System. Gehorcht
sie ihren Eltern, die immerhin erlaubt haben, dass sie heute die
Schule schwänzen darf, hat sie keine Chance auf Nähe zu
ihren Idolen. Um Ausreden ist Lydia nicht verlegen. Auch nicht
für den Fall, dass Jugendamtsmitarbeiter erneut über den
Parkplatz streifen. „Dann sag ich halt, ich bin
Engländerin.“ Ein wenig mulmig sei ihr allerdings schon,
gibt sie kleinlaut zu.
Dass die Situation, die sie gerade verantworten, nicht ganz
lupenrein ist, können auch Heike (44) aus Arnsberg und Cindy
(32) aus Quedlinburg nicht verbergen. Die beiden Mütter und
ihre Töchter kauern unter einer Baumreihe und haben sich in
Rettungsfolie gehüllt. „Mit der Schule ist das
geklärt“, sagt Heike. Tochter Cristina (12) habe sich in
der Schule einen Vorsprung erarbeitet, so dass ein Ausfalltag in
Ordnung gehe. Dann murmelt sie noch etwas, das nach „Magen-
und Darm-Grippe“ klingt.
Unterdessen schreibt Vanessa weiter fleißig Nummern auf
Handrücken. Natürlich hat sie auch selbst eine Nummer.
Die „1“. Zugleich das Abonnement auf die erste Reihe.
So wie bei vielen der 31 Konzerte von Tokio Hotel, die sie schon
erlebt hat.
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VON VON MICHAELA TÖNS
Source Borkener Zeitung




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